Mag. Silvie Aigner, 2009

 

LARISSA TOMASSETTI - INVERSION

 

Durchnässt und fluchend waren Liam und ich
damals von unserem vergeblichen Versuch,
eine im Sturm schlagende Blechbahn zu bergen,
über die gepeitschten Weiden ins Haus zurückgekehrt,
wo ich auf drei Bildschirmen seines Arbeitszimmers
eine digitalisierte Fotografie schimmern sah
(...)
Kein Zweifel, was in dieser Wolkenkluft,
Die sich nun weiter und weiter öffnete,
So klar und gleichzeitig so entrückt
Wie durch ein umgedrehtes Fernrohr betrachtet erschien,
Das war die Wirklichkeit, die zum Abbild auf Liams Schirmen gehörte.

 

Christoph Ransmayr lotet in seinem Buch „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ einerseits die Sehnsucht nach dem Unentdeckten aus. In den Rekonstruktion des Vergangenen und Erdachtenn spielt das Verschwimmen jeglicher Grenzen zwischen Realität und Fiktion jedoch eine große Rolle. Was ist die Wirklichkeit, ist sie real oder nur ein Spiegel unserer eigenen kulturellen Sozialisation, unserer Träume, Erfahrungen und Erlebnisse? „Das Leben ist ein Gefangener seiner Darstellung“, schrieb der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi über den Versuch das Erlebte, Gesehene in einem fotografischen Bild festzuhalten, dieses würde nichts von der „wahren Wahrheit“ preisgeben. „Dabei ist das Leben prallvoll, ungeduldig, es möchte aus dem Viereck ausbrechen.“ Ließ Tabucchi den Erzähler seines Romans resignierend feststellen. Bedeutet dies letztlich, dass der Kunst die Mittel fehlen, die Natur in ihr Medium zu übersetzen, ohne in eine banale oder gar romantische Beschreibung zu verfallen? Dass beide von einander unabhängige Systeme sind, in der die reale Natur in Widerspruch zur Kunst steht? Doch bis heute ist die Landschaft Motiv der Malerei und der Fotografie. Doch bildet der/die KünstlerIn die Landschaft immer noch ab, scheinbar der medialen Bilderflut zum Trotz. Ist es die Suche nach dem Paradies als Fluchtpunkt, um dem Elend der Welt zu entkommen, wie Claudia Seidel in einer Beschreibung der Fotoarbeiten von Thomas Struth meinte. Denn obwohl niemand von uns je das Paradies gesehen hat, versöhnt uns allein die Idee davon mit den Wirren des Alltags. Wir erfinden uns eine Wunschlandschaft und glauben irgendwann das Wesen der Natur, den eigentlichen Sinn unseres Daseins zu ergründen.

Die Landschaftsmalerei ist ein kunsthistorisch gut dokumentiertes Genre, trotzdem lässt sich kein ungebrochener Entwicklungsstrang mit zwingender Notwendigkeit auf unsere zeitgenössische Landschaftsmalerei rekonstruieren und dabei möchten wir doch gerne wissen, was Künstler zu Beginn des 21. Jahrhunderts bewegt, landschaftsbezogene Themen auf der Leinwand zu präsentieren und sich ungeachtet historischer Vorbilder einem Medium zuzuwenden, das im herkömmlichen Sinn nicht zeitgeistig ist, jedoch umso zeitgenössischer in den einzelnen Formulierungen und Inhalten.

In Serien wie Real oder Inversi Real stellt auch Larissa Tomassetti die Landschaft in den Mittelpunkt von Zeichnung und Malerei. Ihr Interesse gilt dabei nicht der landschaftlichen Vedute, sondern der Bewegung innerhalb einer vermeintlichen Stille als auch im besonderen Maße der formalen Qualität landschaftlicher Formationen im Umkehrspiel von Farbe und Licht. Das Dickicht der Bäume und Sträucher, die Terrainwellen und das Gewirr von Herbstlaub und die Spiegelungen des Wassers werden zu abstrakten Elementen und linearen Strukturen innerhalb der Komposition und formulieren einen Bewegungsrhythmus im Bild. Dieser wird unterstützt durch die verschiedenen Ebenen landschaftlicher Betrachtung, in Variationen von Untersichten und Aufsichten und in der bewussten Umkehr der Zeichnung in ein gedachtes Negativbild. Die Basis bildet dabei die analoge Fotografie, die als Negativbild von der Künstlerin in die Zeichnung oder in die Malerei transformiert wird. Die Fotografie ist heute ein gängiges Hilfsmittel vor allem der figurativen Malerei, wie umgekehrt Künstler wie Thomas Struth oder Jeff Walls ihre Fotografien so detailreich vorbereiten als gelte es Modelle für eine malerische Komposition zu finden. Doch ist dieses Crossover seit der Spätrenaissance ein Faktum. Larissa Tomassetti nutzt die Fotografie jedoch nicht um Szenerien festzuhalten und diese als Vorlage ihrer Malerei zu nutzen, sondern spielt vielmehr mit den Möglichkeiten von Licht, Farbe und ihrer Umkehr ins Negative. Die Oberfläche der Zeichnung oder der Malerei wird einem fotografischen Negativ angepasst. Der scheinbar real festgehaltene fotografische Ausschnitt aus der Natur entpuppt sich als Fiktion, wenngleich erst die technischen Möglichkeiten der Fotografie die sogenannten Negativzeichnungen und Ölbilder ermöglichten.

Seit der Spätrenaissance hatte man immer wieder Kamerabilder geschaffen. Man verdunkelte einen Raum so vollständig wie möglich und ließ nur einen einzigen Lichtstrahl durch eine bleistiftdicke Öffnung. Hielt man ein weißes Blatt Papier in einer Entfernung von etwa 15 cm vor diese Öffnung, dann wurde die Szene außerhalb des Raumes auf dem Blatt als umgekehrtes und verschwommenes Bild, das aber doch erkennbar war, sichtbar.
Diese Vorrichtung wurde schon von Aristoteles zur Erzeugung dieser sogenannten "Lochbilder" entdeckt. Später wurde sie unter der Bezeichnung "Camera Obscura" bekannt. Dass man die Camera Obscura zur Herstellung von Bildern nutzen konnte, wurde jedoch erst hundert Jahre nach der Entwicklung der geometrischen Kinearperspektive erkannt. die vor allem auf Architekten wie Leon Battista Alberti und seinem florentinischen Kollegen Filippo Brunelleschi zurückgeht.
Auch Leonardo da Vinci erkannte die Möglichkeit der Camera Obscura im Jahre 1490 und empfahl, das Bild einer sonnenbeleuchteten Szene in einem Raum mit völliger Dunkelheit zu betrachten, der ein kleines Loch aufwies. Das vom Gegenstand reflektierte Licht konnte auf ein dünnes Blatt Papier fallen und somit leicht nachgezeichnet werden. Der erste große Schritt in der Geschichte der Fotografie war die praktische Verwendung der Camera Obscura als künstlerisches Hilfsmittel durch die Italiener im 16. Jahrhundert.
Auf einmal war die wirklichkeitsgetreue Wiedergabe von Szenen und Gegenständen möglich ebenso wie deren Interpretation. William Henry Fox Talbot gelang es 1835 schließlich mittels der Lichtempfindlichkeit von Silbersalzen von der Natur ein Negativbild herzustellen.
Larissa Tomassetti nutzt die Anmutung der analogen Negativbilder. Diese verrücken die gewohnte Ansicht der Natur in eine fiktive Landschaft die zuweilen an das Setting fiktionärer Filme erinnern. Still, unheimlich und scheinbar nicht von dieser Welt. Banale Ausschnitte, wie eine Lichtung, eine Wald oder das Ineinanderfallen mehrerer Baumstämme werden dadurch zu einem geheimnisvollen Setting. Das zunächst als Foto wahrgenommene Bild entpuppt sich rasch als Fiktion, als gezeichnetes Foto oder Bild. Einmal mehr ist die gesehene Natur der Interpretation durch den Künstler unterworfen. Die Natur wird zum Anlass konzeptuelle Inhalte zu transportieren, wie das dialoge Spannungsverhältnis zwischen konträren Sichtweise, der Infragestellung der Realtität sowie der Gegenüberstellung von Positiv und Negativ, Original und Reproduktion. In der Malerei geht Larissa Tomassetti jedoch noch einen Schritt weiter und entwirft mittels Bildstruktur und Farbe eine individuelle, abstrakte Ornamentik der Landschaft. So bietet Larissa Tomassetti uns in in ihren Bildern Stimmungen an, die unsere Sehgewohnheiten von digitalen Bildern, analoger Fotografie und realer Natur zusammenführen, ohne die technischen Möglichkeiten allzu sehr in den Vordergrund zu spielen.

„Das Bild lehrt mich zu sehen, gerade weil es kein Durchschlag der Wirklichkeit ist. Bestimmt nicht. Es bringt sich ans Licht“ schrieb der französische Philosoph François Dagognet im Jahr 2000. Was soviel bedeutet, dass kein Bild, ob Malerei oder Fotografie die Wirklichkeit so abbildet wie sie ist. Vielmehr ist sie ein Werkzeug um eine neue Realität zu erzeugen oder die Aufmerksamkeit auf jene Ebenen des Sichtbaren zu lenken, an die der Betrachter sonst keinen Blick verschwendet. Der Künstler wählt aus, er vermischt, überblendet, lässt durch die Unschärfe Motive in einanderfließen und generiert solcherart neue Bilder. In der Serie Schwebezustand oder im Werkzyklus Bodyfocus ebenso wie im aktuellen Projekt Still Moving – Moving Still steht anstelle der Landschaft der Körper im Fokus von Larissa Tomassettis Bildbearbeitungen. In den Fotoserien mutiert der Körper zur amorphen, nahezu abstrakten Form oder spiegeln sich Bildinhalte in ungewohnter Symmetrie. Still Moving – Moving Still beschäftigt sich, wie der Titel bereits erhahnen lässt, mit Bewegung und Stillstand. In der Fortführung der 2007 entstandenen Malerei Dynamic Stills, wird nun die Bewegungen der Tänzerin fotografisch festgehalten. Anstelle des gestischen Duktus der Rhythmik und Bewegung suggerierte, treten nun die technische Möglichkeiten einer unscharfen Fotografie. Die Fotoarbeiten geben den BetrachterInnen dramatische Rätsel auf und verschaffen ihnen unerwartete Augenblicke der Spannung. Vieles bleibt in den Fotografien im Verborgenen und dennoch bleibt das Auge an den wenigen Bruchstücken des Realen hängen um dann jedoch über das Gesehen nachzudenken, um letztlich einer der vielen möglichen Wirklichkeiten, die uns die Künstlerin anbietet, nachzugehen.

Silvie Aigner